Wie alles begann: Videospiele vor dem NES
Bevor Mario zum ersten Mal sprang, gab es Tennis auf einem Oszilloskop, Raumschiffe auf Großrechnern und einen Tischtennis-Automaten in einer Kneipe. Eine kurze Reise durch die ersten 25 Jahre der Videospiele, von 1958 bis zum großen Crash.
Im Labor: die ersten Spiele
Die ersten Videospiele entstanden nicht in Spielzeugfirmen, sondern in Forschungslaboren. Computer waren damals riesige, teure Maschinen, und niemand dachte daran, sie zum Spielen zu verkaufen.
Tennis for Two (1958)
Im Oktober 1958 wollte der Physiker William Higinbotham den Besuchern am Brookhaven National Laboratory in den USA etwas Lebendiges zeigen. Er baute aus einem Analogrechner und einem Oszilloskop ein Tennisspiel: Ein Lichtpunkt flog als Ball über ein seitlich gezeigtes Netz, zwei Spieler schlugen ihn mit Drehknöpfen und Tasten hin und her. Tennis for Two gilt als eines der ersten Spiele, das nur zur Unterhaltung gebaut wurde und nicht als Technikvorführung.
Ein Oszilloskop ist ein Messgerät, das elektrische Spannungen als Linie auf einem kleinen Röhrenbildschirm anzeigt. Genau diese Linie wurde zum Ball.
Spacewar! (1961/62)
Drei Jahre später programmierten Steve Russell, Martin Graetz und Wayne Wiitanen am MIT Spacewar!. Zwei Raumschiffe kämpfen um eine Sonne, deren Schwerkraft sie anzieht. Das Spiel lief auf dem Rechner PDP-1 von DEC und wurde weitergegeben, sobald andere Universitäten diesen Rechner hatten. Damit war Spacewar! wohl das erste Videospiel, das über ein einzelnes Labor hinaus bekannt wurde.
Keines dieser Spiele konnte man kaufen. Wer spielen wollte, musste in einem Labor oder einer Universität arbeiten. Der Schritt ins Wohnzimmer kam erst ein Jahrzehnt später.
Ralph Baer: Der Vater der Videospiele kam aus der Pfalz
Die Heimkonsole hat einen deutschen Erfinder. Ralph Baer wurde am 8. März 1922 als Rudolf Heinrich Baer in Rodalben in der Pfalz geboren. 1938, zwei Monate vor den Novemberpogromen, floh seine jüdische Familie nach New York.
1966 arbeitete Baer als Ingenieur bei der Firma Sanders Associates. Dort kam ihm die Idee, auf einem normalen Fernseher zu spielen. Er entwickelte mehrere Prototypen, der bekannteste heißt heute "Brown Box", weil das Gehäuse mit Holzfolie beklebt war.
Die Firma Magnavox kaufte die Lizenz. Im Mai 1972 wurde die Magnavox Odyssey vorgestellt, im September 1972 kam sie in den Handel. Sie war die erste Spielkonsole, die man an den heimischen Fernseher anschließen konnte. Im ersten Jahr wurden je nach Quelle zwischen 69.000 und rund 100.000 Geräte verkauft. Mehr dazu im Odyssey-Artikel.
Die Odyssey konnte nur Lichtpunkte und Linien darstellen. Farben und Spielfelder kamen über Folien, die man auf den Bildschirm klebte. Ein Prozessor war noch nicht eingebaut, die Technik bestand aus einzelnen Bauteilen.
Baer bekam 2006 die National Medal of Technology der USA und starb am 6. Dezember 2014. Er gilt als "Vater der Videospiele".
Pong und die ersten Automaten
Parallel entstand das Geschäft mit Spielautomaten. 1971 brachten Nolan Bushnell und Ted Dabney Computer Space heraus, den ersten kommerziell verkauften Videospielautomaten. Er setzte über eine Million Dollar um, blieb aber hinter den Erwartungen, weil viele Kneipengäste die Steuerung zu kompliziert fanden.
Bushnell und Dabney gründeten daraufhin Atari. Ihr Ingenieur Allan Alcorn baute 1972 Pong: zwei Schläger, ein Ball, fertig. Das Spiel war so einfach, dass es jeder sofort verstand. Pong verkaufte sich über 8.000 Mal als Automat und machte Videospiele zu einem Massenphänomen.
Pong erinnert stark an ein Tennisspiel der Odyssey. Magnavox verklagte Atari später, und die beiden Firmen einigten sich außergerichtlich. Die Idee, Tischtennis auf den Bildschirm zu bringen, lag Anfang der 70er offensichtlich in der Luft.
In den 70ern tauchten auch hierzulande zahllose Pong-Varianten auf, oft einfach "Telespiel" genannt. Viele stammten aus Fernost und liefen nur mit fest eingebauten Spielen.
Die Revolution im Modul
Die ersten Heimgeräte hatten ihre Spiele fest eingebaut. Wer ein neues Spiel wollte, brauchte ein neues Gerät. Das änderte sich mit zwei Erfindungen: dem Mikroprozessor und dem Wechselmodul.
Fairchild Channel F (1976)
Im November 1976 erschien in Nordamerika das Fairchild Channel F. Es war die erste Konsole mit Mikroprozessor und Spielen auf austauschbaren ROM-Modulen. Ein ROM ist ein Speicherchip, dessen Inhalt fest ist, hier das Spiel. Entscheidend für das Gerät war der Ingenieur Jerry Lawson, der die Entwicklungsabteilung leitete und als einer der ersten schwarzen Ingenieure der Branche gilt.
Das Channel F verkaufte sich rund 350.000 Mal, dann stieg Fairchild 1979 aus dem Spielegeschäft aus.
Atari 2600 (1977)
Den Durchbruch schaffte Atari. Im September 1977 kam das Video Computer System, später Atari 2600 genannt, in den USA für 199 Dollar auf den Markt. Es machte Mikroprozessor und Wechselmodule zum Standard, den alle späteren Konsolen übernahmen. Bis 1982 standen allein in den USA 10 Millionen Geräte, insgesamt wurden rund 30 Millionen verkauft. Produziert wurde der Atari 2600 bis 1992.
1979 verließen mehrere Programmierer Atari und gründeten Activision, die erste Firma, die Spiele für eine fremde Konsole entwickelte. Nach einem Rechtsstreit einigte man sich auf Lizenzen. Dieses Modell, bei dem andere Firmen gegen Gebühr Spiele für eine Konsole machen, gilt bis heute.
Made in Köln: das Interton VC 4000
Auch Deutschland hatte eine eigene Konsole. Die Kölner Firma Interton, eigentlich ein Hörgerätehersteller, zeigte das VC 4000 im August 1977 auf der Funkausstellung in Berlin. In den Handel kam es Ende 1978, für etwa 298 bis 398 DM.
Im Inneren arbeitete ein 8-Bit-Prozessor Signetics 2650A, die Spiele kamen auf Modulen. Das VC 4000 gilt als einzige in Deutschland entwickelte Videospielkonsole mit Mikroprozessor. Im Mai 1983 endete die Produktion, Interton war insolvent.
Ein VC 4000 ist heute ein echtes Stück deutscher Technikgeschichte. Achte beim Kauf auf das Netzteil und die Controller, die oft fehlen. Echte Preise findest du über den eBay-Filter "Verkaufte Artikel".
Das goldene Zeitalter der Spielhallen
Ende der 70er begann die große Zeit der Spielautomaten. Den Anfang machte 1978 Space Invaders von Taito, entworfen von Tomohiro Nishikado. Außerirdische rücken Reihe um Reihe vor, und der Spieler schießt von unten zurück. In Nordamerika löste das Spiel Hunderte Berichte über das neue Medium aus.
Eine bekannte Geschichte besagt, Space Invaders habe in Japan einen Mangel an 100-Yen-Münzen ausgelöst. Das ist allerdings eine Legende und nicht belegt.
1980 folgte Pac-Man von Namco, erdacht von Toru Iwatani. Statt zu schießen, fraß man Punkte und flüchtete vor Geistern. Pac-Man hatte eine erkennbare Figur mit Persönlichkeit, und das machte ihn zum ersten Videospielstar. Über 400.000 Automaten wurden verkauft.
1981 brachte Nintendo Donkey Kong heraus, das erste Spiel von Shigeru Miyamoto. Der Held hieß damals noch Jumpman und war Zimmermann. Später wurde aus ihm Mario.
Als Hochphase dieser Spielhallen-Ära gelten grob die Jahre 1979 bis 1982.
Nintendo vor dem NES
Nintendo gab es schon lange vor den Videospielen. Die Firma wurde 1889 in Kyoto gegründet und stellte zuerst Spielkarten her, die japanischen Hanafuda.
Am 28. April 1980 erschien das erste Game & Watch, ein Taschenspiel mit LCD-Anzeige, entworfen von Gunpei Yokoi. Jedes Gerät hatte genau ein Spiel und eine Uhr. Bis 1991 verkaufte Nintendo 43,4 Millionen Stück.
Für das Game & Watch "Donkey Kong" von 1982 erfanden die Entwickler ein neues Bedienelement als Ersatz für den Joystick: das Steuerkreuz. Es wurde später zum Markenzeichen des NES-Controllers und bekam 2008 einen Technik-Emmy. Die Klappform der Multi-Screen-Geräte findet sich später beim Game Boy Advance SP und beim Nintendo DS wieder.
Wie Nintendo mit dem Famicom und dem NES die Branche nach dem Crash rettete, steht im NES-Artikel.
Der Heimcomputer: C64 und Co.
Parallel zu den Konsolen zogen Anfang der 80er die Heimcomputer ein. Der wichtigste war der Commodore 64. Er wurde im Januar 1982 vorgestellt und kam im August 1982 in den USA für 595 Dollar in den Handel.
Mit 12,5 bis 17 Millionen verkauften Geräten steht der C64 im Guinness-Buch als meistverkaufter Desktop-Computer aller Zeiten. Produziert wurde er bis April 1994. In Europa blieb er bis in die 90er beliebt, und für viele in Deutschland war der "Brotkasten" der erste Kontakt mit Computerspielen.
Computer hatten einen Vorteil gegenüber Konsolen: Man konnte auf ihnen auch programmieren, Briefe schreiben und Spiele auf Kassette oder Diskette kopieren. Genau das machte die Spielekonsolen in den Augen vieler Eltern plötzlich überflüssig.
Der Crash von 1983
Anfang der 80er war der US-Markt überfüllt. Viele Firmen brachten eigene Konsolen und massenhaft schnell produzierte Spiele heraus. Die Qualität litt, die Kunden verloren das Vertrauen.
Zwei Atari-Spiele von 1982 stehen stellvertretend dafür. Pac-Man für den Atari 2600 war zwar mit über 8 Millionen Exemplaren der meistverkaufte Titel, galt aber als schwache Umsetzung. E.T. wurde in nur sechs Wochen programmiert. Von 4 Millionen produzierten Modulen verkauften sich nur rund 1,5 Millionen.
1983 brach der Markt in Nordamerika zusammen. Händler räumten ihre Videospielregale, viele Hersteller gaben auf. Wie tief der Einbruch war und wie Nintendo zwei Jahre später mit dem NES den Neustart schaffte, steht ausführlich im NES-Artikel.
Zeitleiste: die ersten 25 Jahre
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1958 | Tennis for Two am Brookhaven National Laboratory |
| 1961/62 | Spacewar! am MIT auf dem PDP-1 |
| 1966 | Ralph Baer beginnt mit Spielen auf dem Fernseher |
| 1971 | Computer Space, der erste kommerzielle Videospielautomat |
| 1972 | Magnavox Odyssey (September) und Pong von Atari |
| 1976 | Fairchild Channel F mit Prozessor und ROM-Modulen |
| 1977 | Atari 2600 in den USA |
| 1978 | Space Invaders; Interton VC 4000 kommt in Deutschland in den Handel |
| 1979 | Gründung von Activision |
| 1980 | Pac-Man; erstes Game & Watch |
| 1981 | Donkey Kong, Mario-Vorgänger Jumpman |
| 1982 | Commodore 64; E.T. für den Atari 2600 |
| 1983 | Crash in Nordamerika; in Japan erscheint das Famicom |
Die Konsolen dieser Zeit findest du auch in der Zeitreise auf der Startseite unter "Pioniere".
Häufige Fragen
Was war das erste Videospiel?
Das hängt von der Definition ab. Tennis for Two von 1958 gilt als eines der ersten reinen Unterhaltungsspiele. Es gab davor schon einfache Computerspiele als Technikvorführungen. Spacewar! war das erste Spiel, das sich über mehrere Standorte verbreitete.
Was war die erste Spielkonsole?
Die Magnavox Odyssey von 1972, entwickelt von Ralph Baer. Sie war die erste Konsole für den heimischen Fernseher.
War Pong das erste Videospiel?
Nein. Pong war 1972 der erste große Erfolg als Automat, aber Computer Space kam ein Jahr früher und Tennis for Two schon 1958.
Gab es eine deutsche Spielkonsole?
Ja, das Interton VC 4000 aus Köln, ab Ende 1978 im Handel. Es gilt als einzige in Deutschland entwickelte Konsole mit Mikroprozessor.
Warum beginnt die Zeitleiste auf Nostalgienerds bei 1972?
Weil ab da Geräte zu kaufen waren, die man heute noch sammeln kann. Tennis for Two und Spacewar! liefen auf Laborrechnern, die kein Sammler ins Regal stellt.