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Geschichte · Commodore 64

Der Commodore 64: Wie der Brotkasten Deutschland das Spielen beibrachte

Ein beiger Kasten mit Tastatur, ein Grafikchip, ein Soundchip mit drei Stimmen und ein Chef, der Computer für alle bauen wollte. Der C64 war für viele in Deutschland der erste Kontakt mit Computerspielen. Hier steht, wie er entstand, was in ihm steckt, wie oft er sich verkauft hat, warum die Zahlen so weit auseinandergehen und welche Spiele heute Sammlerstücke sind.

Stand 30.09.2026 · ca. 17 Min. Lesezeit
1.495 DMStartpreis in Deutschland, Anfang 1983
12,5 bis 17 Mio.verkaufte Geräte weltweit, je nach Quelle
1 Mio.C64 allein in Deutschland, gefeiert im Dezember 1986
1982 · Commodore · 8 BitCommodore 64
Foto Commodore 64: Evan-Amos, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Steckbrief

VorstellungConsumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, 7. bis 10. Januar 1982
Start USAAugust 1982, 595 Dollar
Start DeutschlandAnfang 1983, 1.495 DM; noch 1983 meist 698 DM
Gebaut für Europagroßteils im Commodore-Werk Braunschweig
ProzessorMOS 6510, PAL 0,985 MHz, NTSC 1,023 MHz
Speicher64 KB RAM, davon 38.911 Byte frei für BASIC; 20 KB ROM
GrafikVIC-II: 320 × 200 Pixel, 16 Farben, 8 Sprites
SoundSID 6581, später 8580: 3 Stimmen, 4 Wellenformen, Filter
Verkauft weltweit12,5 bis 17 Millionen, je nach Quelle (Erklärung unten)
Softwarerund 10.000 kommerzielle Titel, davon etwa 300 auf Modul
ProduktionsendeApril 1994, mit der Insolvenz von Commodore am 29. April 1994

Jack Tramiel: Computer für die Massen

Ohne Jack Tramiel gäbe es den C64 nicht. Er kam am 13. Dezember 1928 als Idek Trzmiel im polnischen Łódź zur Welt. Im Zweiten Weltkrieg verschleppten ihn die Nationalsozialisten ins Ghetto Łódź und nach Auschwitz. Danach kam er ins Arbeitslager Ahlem bei Hannover, wo sein Vater starb. Im April 1945 befreiten ihn US-Soldaten.

1947 wanderte Tramiel in die USA aus. Dort reparierte er zuerst Schreibmaschinen und baute daraus die Firma Commodore auf. Aus Schreibmaschinen wurden Taschenrechner, aus Taschenrechnern Computer: 1977 der PET, 1980 der VC 20 (in den USA VIC-20), der als erster Commodore-Computer die Marke von einer Million verkauften Geräten knackte.

Tramiel hatte ein klares Motto: "Computers for the masses, not the classes", also Computer für die Massen und nicht für die feinen Leute. Er galt als harter Chef, der jede Ausgabe über 1.000 Dollar selbst abzeichnete. Und er wollte den Preiskampf gewinnen, egal gegen wen. Der C64 wurde seine schärfste Waffe.

MOS Technology: Die Chips aus dem eigenen Haus

Das Geheimnis hinter dem niedrigen Preis heißt MOS Technology. Die Chipfirma aus Pennsylvania hatte im September 1975 den Prozessor 6502 vorgestellt, für damals unglaubliche 25 Dollar. Am 25. September 1976 kaufte Commodore die Firma. Ab dann baute Commodore seine wichtigsten Chips selbst. Später hieß die Abteilung Commodore Semiconductor Group, auf den Chips stand aber bis 1989 weiter "MOS".

Anfang der 80er arbeiteten die Ingenieure bei MOS an zwei neuen Chips, ursprünglich für eine Spielkonsole. Al Charpentier entwickelte den Grafikchip VIC-II, Bob Yannes den Soundchip SID (Sound Interface Device). Robert Russell entwarf den Rechner drumherum, Charles Winterble leitete die Gruppe bei MOS. Als die Chips fertig waren, entschied Commodore: Daraus wird ein Heimcomputer mit 64 KB Arbeitsspeicher. Die 64 KB waren Tramiels Vorgabe. Für damals war das viel.

Weil Commodore die Chips selbst herstellte, waren die Kosten niedrig. Laut Wikipedia kostete die Herstellung eines C64 im Jahr 1982 rund 135 Dollar. 1985 waren es nur noch 35 bis 50 Dollar. Konkurrenten mussten ihre Chips zukaufen und konnten bei diesem Preiskampf kaum mithalten.

Der Auftritt auf der CES

Vorgestellt wurde der C64 auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas vom 7. bis 10. Januar 1982. Im August 1982 kam er in den USA in den Handel, für 595 Dollar. Einige deutsche Quellen nennen September 1982, die Auslieferung in größeren Stückzahlen begann laut der englischen Wikipedia im August. Wie die Welt der Videospiele bis dahin aussah, von Pong über den Atari 2600 bis zum Crash, steht in unserem Artikel Wie alles begann.

595 Dollar waren für einen Computer mit 64 KB und Farbgrafik ein Kampfpreis. Und Commodore drehte die Schraube weiter. Im Januar 1983 sank der Preis auf 425 Dollar, im Sommer 1983 lag er um 300 Dollar. Dazu kam ein Rabatt, wenn man einen alten Computer oder eine alte Spielkonsole in Zahlung gab.

Diese Preispolitik traf die ganze Branche. Wer einen C64 für den Preis einer besseren Spielkonsole bekam, brauchte keine Konsole mehr. Wikipedia zählt den aggressiven Preiskampf zu den Gründen für den Videospiel-Crash von 1983. Auch Commodore verkaufte nicht mehr in Fachgeschäften allein. Der C64 stand in Kaufhäusern und Spielwarenläden und war über Versandhauskataloge zu haben.

Gut zu wissen

Tramiel selbst blieb nicht lange. Am 13. Januar 1984 trat er nach Streit mit Großaktionär Irving Gould zurück. Noch im selben Jahr kaufte er die Computer- und Konsolensparte von Atari und baute dort den Atari ST, einen direkten Konkurrenten der späteren Commodore-Rechner.

Der C64 in Deutschland

Nach Deutschland kam der C64 Anfang 1983. Laut der deutschen Wikipedia und ComputerBase kostete er zum Start 1.495 DM. Noch im selben Jahr fiel der Preis auf meist 698 DM. Einen genauen Starttag für Deutschland haben wir in keiner Quelle gefunden.

Gebaut in Braunschweig

Ein Teil der Geschichte spielt in Niedersachsen. Commodore betrieb ab Oktober 1980 ein Werk in Braunschweig. Es war Europazentrale und wichtigster Produktionsstandort für den europäischen Markt. In der besten Zeit arbeiteten dort bis zu 2.000 Menschen. Laut der deutschen Wikipedia wurde ein Großteil der deutschen C64 in Braunschweig montiert. Sogar die Verpackungen für Europa kamen von einer Firma aus der Stadt. Ein Grund für den Standort: Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig hatte früh Commodore-Rechner gekauft. Dazu kamen die Nähe zur Technischen Universität und Fördergeld für das damalige Zonenrandgebiet. 1993 endete der Betrieb in Braunschweig.

Der millionste C64

Deutschland wurde schnell einer der wichtigsten Märkte für den C64. Am 5. Dezember 1986 feierte Commodore im BMW-Museum in München den einmillionsten C64, der in Deutschland verkauft wurde. Zu dem Anlass gab es eine kleine Auflage vergoldeter C64 für Mitarbeiter, Händler und Journalisten. Wie viele es genau waren, ist umstritten. Die Angaben reichen von 250 bis 1.000 Stück.

Der C64 war hier ein Massengerät. Ab 1987 gab es ihn sogar beim Discounter: Aldi verkaufte eine eigene Variante, dazu weiter unten mehr. Für viele Familien war er der erste Computer überhaupt. Offiziell war er oft für die Schule gedacht. Gespielt wurde trotzdem.

Verkaufszahlen: Warum niemand die genaue Zahl kennt

Beim C64 gibt es keine Tabelle wie bei Nintendo oder Sony. Commodore hat nie eine Endabrechnung nach Regionen veröffentlicht, und die Firma ging 1994 pleite. Deshalb kursieren sehr unterschiedliche Zahlen.

ZahlWoher sie kommtWie belastbar
22 bis 30 Mio.Jack Tramiel sprach von fast einer halben Million C64 pro Monat bis 1984. Hochgerechnet ergibt das diese Spanne. Das Buch von Michael Tomczyk von 1984 nennt 22 Millionen.schwach, eine Hochrechnung aus Aussagen
17 Mio.Geschäftsbericht von Commodore für 1993, bestätigt vom früheren Commodore-Mitarbeiter Peter Kitteldie einzige Zahl aus einem Firmendokument
12,5 Mio.Michael Steil (pagetable.com, 2011) wertete Seriennummern aus zwei Registern aus und schätzte daraus die Produktion je Platinenversiongut begründete Schätzung, aber eine Statistik

Die Spanne von 12,5 bis 17 Millionen gilt heute als seriös. Auch Wikipedia nennt sie, und das Guinness-Buch führt den C64 als meistverkauftes Desktop-Computermodell. Heise spricht von geschätzt 17 Millionen. Höhere Werte wie 22 oder 30 Millionen tauchen in vielen Artikeln auf, sie lassen sich aber auf keine Verkaufsliste zurückführen.

Steils Auswertung zeigt noch etwas Spannendes: Fast alle Geräte, die ab 1989 gebaut wurden, rund 4,5 Millionen, gingen nach Europa. In den USA war der C64 da längst Auslaufmodell. Europa und gerade Deutschland hielten ihn am Leben.

Und Deutschland?

Eine offizielle Endzahl für Deutschland gibt es nicht. Belegt sind zwei Zwischenstände: Im Dezember 1986 feierte Commodore den millionsten in Deutschland verkauften C64. Im Juni 1988 schrieb das britische Magazin Amiga Computing von rund 1,6 Millionen C64 in Westdeutschland, doppelt so viele wie beim Konkurrenten Schneider CPC. Was danach dazukam, hat niemand belastbar gezählt. Deshalb nennen wir keine Endzahl.

Technik: Was im Brotkasten steckt

Den Spitznamen "Brotkasten" verdankt der C64 seinem dicken, abgerundeten Gehäuse. Darin steckt der komplette Computer samt Tastatur. Ein Monitor gehört nicht dazu, der C64 hängt am Fernseher.

Der Prozessor

Der MOS 6510 ist eine Variante des 6502, der auch im Apple II steckt und in abgewandelter Form im NES. Der 6510 hat zusätzlich einen kleinen Ein- und Ausgabeport. Damit schaltet der C64 zwischen RAM und ROM um und kann so trotz ROM fast die vollen 64 KB nutzen. In der europäischen PAL-Version läuft er mit 0,985 MHz, in der amerikanischen NTSC-Version mit 1,023 MHz.

VIC-II: der Grafikchip

Der VIC-II schafft 320 × 200 Pixel in 16 festen Farben. Für bunte Spiele nutzen die meisten den Mehrfarbmodus mit 160 × 200 Pixeln, bei dem jeder Pixel doppelt so breit ist. Dazu kommen acht Sprites, also frei bewegliche Figuren mit 24 × 21 Pixeln. Programmierer fanden schnell heraus, wie sie den Chip austricksen. Mit sogenannten Raster-Interrupts verändern sie mitten im Bildaufbau die Einstellungen und zeigen so viel mehr als acht Sprites oder Farben, die eigentlich nicht gehen.

SID: der Soundchip

Der SID ist der Grund, warum C64-Musik bis heute Fans hat. Er hat drei Stimmen, vier Wellenformen und einen analogen Filter. Jede Stimme hat eine eigene Hüllkurve (ADSR), die bestimmt, wie ein Ton einsetzt, hält und ausklingt. Bob Yannes hatte vorher mit Synthesizern experimentiert, und das hört man. Der Chip klingt eher wie ein kleiner Synthesizer als wie ein Piepser.

Es gibt zwei Versionen: den 6581 im Brotkasten und den 8580 in den späteren Modellen. Der 8580 braucht 9 Volt statt 12 und hat einen überarbeiteten Filter. Musik klingt deshalb je nach Chip unterschiedlich. Viele Fans hören den Unterschied sofort.

C64-Mainboard (Brotkasten)Foto: Sven.petersen, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Floppy 1541 und Datasette

Spiele kamen beim C64 auf drei Wegen in den Rechner: als Modul, auf Kassette oder auf Diskette.

  • Datasette: Das Kassettenlaufwerk (Modell 1530 oder C2N) nutzt normale Audiokassetten. Es war billig und deshalb bei Einsteigern beliebt, aber langsam. Ohne Hilfsprogramm schafft es etwa 60 bis 70 Byte pro Sekunde. Ein Programm mit 60 KB lud damit rund eine Viertelstunde. Spielehersteller bauten deshalb eigene Schnelllader ein, die bis zu zehnmal schneller waren.
  • Floppy 1541: Das Diskettenlaufwerk kam 1982 und speichert rund 170 KB auf einer Seite einer 5,25-Zoll-Diskette. Es ist ein kleiner Computer für sich, mit eigenem 6502-Prozessor. Die Verbindung zum C64 war trotzdem langsam, ohne Schnelllader etwa 300 Byte pro Sekunde.
  • Modul: Steckmodule laden sofort. Sie waren aber teurer in der Herstellung. Die meisten der rund 300 Module erschienen in den ersten zweieinhalb Jahren.

Von der 1541 gab es drei Hauptversionen: die originale 1541 (1982 bis 1986), die 1541C (1986 bis 1988) und die 1541-II (1988 bis 1993). Die 1541-II hat ein externes Netzteil und wird deshalb nicht mehr so heiß wie die alten Modelle. Was das beim Kauf heute bedeutet, steht in der Kaufberatung.

Modelle und Revisionen

Commodore hat den C64 elf Jahre lang gebaut und dabei immer wieder billiger gemacht. Allein die Hauptplatine gab es in 16 Versionen. Von außen sind vor allem diese Modelle wichtig:

ModellJahrWas anders ist
C64 "Brotkasten"1982das Original im braunen, abgerundeten Gehäuse; SID 6581; frühe Geräte mit 5-poliger, spätere mit 8-poliger Videobuchse
SX-641983 (USA Dezember 1983, 995 Dollar)tragbarer C64 mit 5-Zoll-Farbbildschirm und eingebauter 1541, rund 10,5 kg; ohne Kassettenanschluss; 1986 eingestellt
C64C, in Deutschland C64 II1986flaches, helles Gehäuse im Stil des C128; später kleinere Platine mit weniger Chips und SID 8580; zu 100 Prozent softwarekompatibel
Aldi-C641987nur in Deutschland über den Discounter verkauft; Brotkasten-Gehäuse, helle Tastatur, als erstes Modell mit der neuen kurzen Platine
C64G1988wieder Brotkasten-Form, aber hell; kurze Platine mit SID 8580; Anschlussnamen ins Gehäuse geprägt; für den deutschsprachigen Markt
C64GSDezember 1990Spielkonsole ohne Tastatur, nur für Module, nur in Europa, 99 Pfund; ein Flop

Den Namen "C64 II" prägte das Magazin 64'er. Unter deutschen Fans heißt der C64C bis heute so. Der C64G zeigt, wie eigen der deutsche Markt war: Hier wollten die Kunden lieber den alten Brotkasten als das neue flache Gehäuse, also baute Commodore ihn für Deutschland eben weiter.

Der C64GS: die Konsole, die keiner wollte

1990 versuchte Commodore, aus dem C64 eine Spielkonsole zu machen. Der C64 Games System hatte keine Tastatur und spielte nur Module. Im Paket lag ein Modul mit vier Spielen, darunter Klax und Flimbo's Quest. Ocean Software unterstützte das Gerät am stärksten, etwa mit Navy SEALs, RoboCop 2 und Lemmings. Gekauft hat es kaum jemand: Laut Wikipedia wurden von rund 20.000 gebauten Geräten nur etwa 2.000 verkauft. Gegen Mega Drive und Super Nintendo hatte die 8-Bit-Technik keine Chance, und ein echter C64 mit Kassettenspielen war günstiger.

Szene, Magazine und Kassetten auf dem Schulhof

Die Spielemagazine

In Deutschland wuchs mit dem C64 eine eigene Presse. Im November 1983 startete Markt & Technik die Happy Computer, zuerst unter dem Namen Hobby Computer. Sie berichtete über viele Heimcomputer, der Spieleteil wurde so beliebt, dass daraus 1988 die Power Play entstand. Zur Redaktion gehörten Heinrich Lenhardt und Boris Schneider, die viele heute noch kennen. Im selben Verlag erschien ab der Hannover Messe 1984 die 64'er, das Magazin nur für den C64. Sie druckte lange Programmlistings zum Abtippen. Damit sich dabei keine Fehler einschlichen, gab es ab 1985 Prüfprogramme wie den "Checksummer". Die 64'er hielt sich bis Ende 1996.

Raubkopien: ein Stück Zeitgeschichte

Zur Wahrheit über den C64 gehört auch, dass auf den Schulhöfen der 80er massenhaft kopierte Spiele getauscht wurden. Für die Spielefirmen war das ein großes Problem. Sie bauten immer neue Kopierschutzverfahren ein, die zum Beispiel ungewöhnliche Bereiche der Diskette nutzten. Auf der anderen Seite entfernten Gruppen von Crackern diesen Schutz und setzten vor das Spiel einen kurzen Vorspann mit ihrem Namen, das sogenannte Cracktro. Wir ordnen das hier nur historisch ein. Es geht um damals veröffentlichte, kommerzielle Spiele, deren Rechte bis heute bei Firmen oder Personen liegen.

Die Demoszene

Aus diesen Vorspannen wurde etwas Neues. Ab etwa 1986 bauten Gruppen auf dem C64 eigenständige Demos: kleine Programme mit Grafik, Musik und Effekten, die zeigen, was in der Hardware steckt. Die Demos hatten mit Spielen nichts mehr zu tun. Die Szene traf sich auf Demopartys und trat in Wettbewerben gegeneinander an. Sie existiert bis heute, und auf dem C64 erscheinen weiter neue Demos.

Die Demoszene ist inzwischen offiziell Kultur. Im März 2021 nahmen die Kultusministerkonferenz und die Deutsche UNESCO-Kommission sie ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Finnland war 2020 vorausgegangen, Polen folgte ebenfalls 2021. Mehr über Spiele als Kulturgut liest du im Artikel Videospiele als Kultur.

Indiziert

Auch der Jugendschutz entdeckte den C64. 1985 setzte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften das Spiel Raid over Moscow auf den Index. In der Begründung hieß es, das Spielen könne zu körperlicher Anspannung, Ärger, Aggressivität und Kopfschmerzen führen. Die Indizierung lief 2010 automatisch aus.

Die wichtigsten Spiele

Für den C64 erschienen laut Wikipedia rund 10.000 kommerzielle Programme. ComputerBase spricht sogar von rund 17.000 Spielen. Der Unterschied kommt vor allem daher, was mitgezählt wird: Budget-Neuauflagen, Sammlungen, kleine Verlage und Länderversionen. Ab 1985 waren 60 bis 70 Prozent der C64-Software Spiele.

Warum es keine Top 10 gibt

Für Konsolen veröffentlichen Nintendo oder Sony Verkaufszahlen pro Spiel. Beim C64 gibt es das nicht. Die meisten Spiele erschienen gleichzeitig für mehrere Computer, und die Hersteller nannten, wenn überhaupt, nur Gesamtzahlen über alle Systeme. Dazu kamen Hunderte kleine Verlage und unzählige Raubkopien. Eine belastbare Top-10-Liste der meistverkauften C64-Spiele existiert deshalb nicht. Wir zeigen stattdessen zehn Spiele, die für den C64 besonders wichtig waren, mit allen Zahlen, die wir belegen konnten.

SpielJahrHerstellerWarum wichtig
The Last Ninja1987System 3laut Wikipedia zu seiner Zeit das meistverkaufte C64-Spiel; über 750.000 Stück allein in Europa, über 2 Millionen auf allen Systemen
Sid Meier's Pirates!1987MicroProseerschien zuerst auf dem C64, über 1 Million verkauft auf allen Systemen
Boulder Dash1984First Star Softwareüber 500.000 verkauft bis 1994 auf allen Systemen; Vorbild für ein ganzes Genre
Summer Games1984Epyxüber 250.000 verkauft bis 1989; Start der Epyx-Sportserie mit Winter Games und California Games
Maniac Mansion1987Lucasfilm GamesAdventure mit Mausbedienung statt Texteingabe, erstes Spiel mit der SCUMM-Technik; in Westdeutschland drei Monate in Folge das meistverkaufte Spiel
Impossible Mission1984Epyxberühmt für die Sprachausgabe "Another visitor. Stay a while"; 1985 bei den Lesern der Zzap!64 auf Platz 1
Paradroid1985Hewsonvon Andrew Braybrook; Leser des Magazins Retro Gamer wählten es zum besten C64-Spiel
The Great Giana Sisters1987Rainbow Artsdeutsches Jump 'n' Run mit Musik von Chris Hülsbeck; nach einem Brief von Nintendo vom Markt genommen
Turrican1990Rainbow Artsvon Manfred Trenz aus Deutschland; Action, die viele dem C64 nicht zugetraut hatten
Raid over Moscow1984Access Software, in Europa U.S. Goldin Deutschland 1985 indiziert, in Finnland ein diplomatischer Streitfall und dort monatelang das meistverkaufte C64-Spiel

Verkaufszahlen laut den Wikipedia-Artikeln zu den einzelnen Spielen, siehe Quellen. Sie gelten meist für alle Systeme zusammen.

Ein Blick auf den Budgetmarkt zeigt, wie groß das Geschäft war. Die erhaltenen Verkaufslisten von Mastertronic, einem britischen Anbieter billiger Kassettenspiele, zählen für die 20 meistverkauften Titel allein rund 1,55 Millionen C64-Exemplare. Dabei fehlt Nordamerika komplett.

Teure Sammlerstücke

Beim C64 sind die meisten Spiele billig zu haben, weil sie in riesigen Stückzahlen erschienen. Teuer wird es bei Originalen in gutem Zustand, bei frühen Modulen und bei Spielen, die vom Markt genommen wurden. Die folgenden Titel stammen alle von etablierten Herstellern der damaligen Zeit.

SpielHerstellerWarum gesuchtlose / komplett
The Great Giana Sisters (Diskette)Rainbow Arts1988 nach Ärger mit Nintendo vom Markt genommen, deshalb als Original knappum 300 $ / um 800 $
Aliens: The Computer Game (Kassette)Electric Dreams (Activision)Filmlizenz, als Kassette in gutem Zustand seltenum 460 $ / um 1.000 $
Ultima IOrigin SystemsAnfang einer der wichtigsten Rollenspielserienum 160 $ / um 900 $
Raid on Bungeling BayBrøderbunderstes Spiel von Will Wright, später Erfinder von SimCity; komplett gesuchtum 100 $ / um 600 $
The Simpsons Arcade GameKonamispäte Automatenumsetzung von 1991um 200 $ / um 380 $
Project FirestartElectronic ArtsHorror-Spiel von 1989, erschien spät und nur auf dem C64um 100 $ / um 390 $
Zak McKracken and the Alien MindbendersLucasfilm Gameszweites SCUMM-Adventure, in Deutschland sehr beliebtum 80 $ / um 210 $

Größenordnungen gerundet nach PriceCharting (Rubrik Commodore 64, US-Dollar, vor allem US-Verkäufe), abgerufen am 03.10.2026. Komplett heißt: Datenträger, Verpackung und Anleitung.

Nimm diese Zahlen als grobe Richtung. PriceCharting erfasst beim C64 nur wenige Verkäufe, ein einzelnes Exemplar in Topzustand verschiebt den Wert stark. Gesucht sind außerdem die Module, die Ocean um 1990 für den C64GS und den C64 herausbrachte, etwa Navy SEALs oder RoboCop 3. Für sie haben wir keine verlässlichen Preisdaten gefunden. Was ein Spiel wirklich bringt, siehst du bei eBay mit dem Filter "Verkaufte Artikel".

Europa und USA sind zwei Märkte

Viele Spiele erschienen in Europa bei anderen Verlagen als in den USA, oft auch auf Kassette statt Diskette. Eine deutsche Rainbow-Arts-Fassung ist etwas anderes als eine amerikanische Verpackung. Hinzu kommt PAL gegen NTSC: Manche europäischen Spiele laufen auf einem amerikanischen C64 nicht richtig. Vergleiche also immer gleiche Fassung mit gleicher Fassung.

Vorsicht, Nachbauten

Von gefragten Spielen gibt es nachgedruckte Verpackungen und kopierte Disketten mit neuen Etiketten. Woran du ein Original erkennst, steht in der C64-Kaufberatung.

Das Ende: Commodore geht pleite

Commodore hatte schon Mitte der 80er Nachfolger gebaut. 1985 kam der C128, der auch C64-Programme ausführen kann. Wichtiger wurde der Amiga, der ab 1987 mit dem Amiga 500 in die Kinderzimmer zog. Der C64 lief trotzdem weiter, als günstiger Einstieg. 1991 verkaufte Commodore noch über 800.000 Stück, 1993 waren es weniger als 200.000.

Ein Nachfolger mit dem Namen C65 war fertig als Prototyp, wurde aber 1991 gestoppt. Im März 1994 kündigte Commodore auf der CeBIT in Hannover das Ende des C64 an. Am 29. April 1994 war Commodore International pleite. Damit endete auch die Produktion des C64, nach fast zwölf Jahren.

Woran Commodore gescheitert ist, darüber wird bis heute gestritten. Fehlentscheidungen im Management, verpasste Entwicklungen beim PC und schwaches Marketing werden oft genannt. Die Markenrechte am Amiga übernahm 1995 der deutsche PC-Händler Escom, der 1996 selbst Insolvenz anmeldete.

Vermächtnis und Neuauflagen

Der C64 ist auch über 30 Jahre nach dem Produktionsende nicht verschwunden. Laut Wikipedia kannten 2011, also 17 Jahre nach dem Ende, noch 87 Prozent der Befragten die Marke. Die Demoszene veröffentlicht weiter, und es erscheinen neue Spiele für den echten C64.

Dazu kommen Neuauflagen. 2018 brachte die Firma Retro Games den THEC64 Mini, eine verkleinerte Version mit 64 vorinstallierten Spielen und einer Tastatur, die nur Attrappe ist. Am 5. Dezember 2019 folgte THEC64 in voller Größe für 119,99 Euro. Er hat eine funktionierende Tastatur, HDMI und USB. Im Juli 2025 stellte die neue Firma Commodore International, die die Marke übernommen hatte, den Commodore 64 Ultimate vor. Er bildet den C64 mit einem FPGA nach, einem Chip, der alte Hardware in Schaltkreisen nachbaut statt sie per Software zu emulieren. Laut Hersteller funktionieren auch alte Module und Zubehör daran.

Und dann ist da der Sound. SID-Musik wird bis heute komponiert, und Komponisten wie Chris Hülsbeck haben ihre Karriere auf dem C64 begonnen. Wenn du die Melodie von Giana Sisters oder Last Ninja im Kopf hast, weißt du, wovon die Rede ist.

Selbst einen C64 kaufen?

Welches Modell sich lohnt, warum du das alte Netzteil auf keinen Fall benutzen solltest und wie der C64 an einen modernen Fernseher kommt, steht in der Kaufberatung zum C64. Wenn du auf dem Flohmarkt einen Brotkasten entdeckst, hilft dir auch unser Flohmarkt-Check.

Häufige Fragen

Wann kam der C64 nach Deutschland?

Anfang 1983. Er kostete zum Start 1.495 DM, noch im selben Jahr sank der Preis auf meist 698 DM. Einen genauen Starttag nennt keine Quelle, die wir gefunden haben.

Wie oft wurde der C64 verkauft?

Je nach Quelle 12,5 bis 17 Millionen Mal. Die 17 Millionen stammen aus einem Geschäftsbericht von Commodore, die 12,5 Millionen aus einer Auswertung von Seriennummern. Zahlen von 22 oder 30 Millionen sind Hochrechnungen ohne belastbare Grundlage.

Wie viele C64 gab es in Deutschland?

Eine Endzahl gibt es nicht. Belegt sind eine Million verkaufte Geräte bis Dezember 1986 und rund 1,6 Millionen laut einem Magazinbericht von 1988.

Warum heißt der C64 Brotkasten?

Wegen seines dicken, abgerundeten Gehäuses, das an einen Brotkasten erinnert. Der flache Nachfolger C64C heißt in Deutschland meist C64 II.

Was ist der Unterschied zwischen 6581 und 8580?

Beides sind Versionen des Soundchips SID. Der 6581 steckt im Brotkasten und braucht 12 Volt, der 8580 in den späteren Modellen braucht 9 Volt und hat einen anderen Filter. Musik klingt deshalb je nach Chip etwas anders.

Wurde der C64 in Deutschland gebaut?

Ja, ein Großteil der C64 für Deutschland wurde im Commodore-Werk in Braunschweig montiert. Das Werk lief von 1980 bis 1993.

Quellen